Hausmusik a capella
So auch viele Familienfeiern mit der hausgemachten kulturellen Umrahmung. Ein wichtiges Hilfsmittel war das Tonbandgerät. Es gehörten Paula und Pfiffi, unsere Nachbarn und ehemalige Mitschüler meiner Mutter. Die beiden waren ein fast kinderloses Paar – der einzige Sohn war schon erwachsen. Deshalb konnten sie sich leisten, was meine Eltern als kinderreiche Familie nicht leisten konnte. Zur Feier brachten sie das Tonbandgerät mit und bespielten die Familienfeiern mit der abgezogenen und quietschenden Musik von Radio Luxemburg, den wir nur über Kurzwelle hören konnten.
Im fortgeschritteten Stadium ging die Feiergemeinschaft dann zur hausgemachten Klängen über – sprich a cappela Gesang. Nach den Genuß der schöngeistigen Getränke war der nötige Mut vorhanden, doch dämmte sie die Scham nicht komplett ein. Der Vorhang, eine alte Decke, der zwischen Wohnzimmer und Flur hing – er sollte die kühle Luft das Hauses nicht ins Wohnzimmer lassen – wurde zum Schutzwall für den “Künstler”.
Der ging mit den Mikro in der Hand hinter den Vorhang und sang hinter der dicken Decke sein Lied. Wähernd er sang, mußte es ganz still sein, damit keine zusätzliche Geräuschkulisse mit auf´s Band kam. Es lauschten alle gespannt und das spannte den Bogen der Aufregung noch weiter auf.
Als der a Capalla Gesang dann auf Band festgehalten war, begann der lustigste Teil für die Feiergemeinschaft. Die Aufnahme wurde abgehört und jeder konnte sich über jeden halb tod lachen.
Ich erinnere mich noch daran, dass mein Vater sich besonders zierte und es dauerte lange, bis die Feiergemeinschaft ihn überzeugen konnte, auch mal das Mikro in die Hand zu nehmen.
Dann endlich war es soweit und er nahm das Mikro in die Hand. damit ging er nicht nur hinter den Vorhang, sondern auch gleich in den Flur und schloß die Tür zwischen Wohnzimmer und Tür so weit, dass grade mal das dünne Kabel vom Mikro nicht gegeknickt wurde und er sag ein Lied aus alten Zeiten, das heut wohl kaum noch einer kennt. “Roter Mohn, warum welkst du denn schon”
Aber weil mein Vater das Lied damals sang, bliebt es mir bis heut noch in Erinnerung. In Internet fand ich eine Version von Max Raabe – sie ist hier zu hören.
Natürlich klingt Max Raabe nicht so schön, wie damals mein Vaters mit seiner Stimme. Aber das ist sicher klar, denn ich hatte meinen Vater für seinen mutigen Auftritt – in meinen Augen – bewundert.
Es war immer ein ungeheurer Spaß, den uns damals die neue Technik möglich machte
das große Los gezogen
Mein Elterhaus wurde auf einem abgebrannten Stallgebäude errichtet. Einige Fundamente davon sind bis zum heutigen Tag noch erhalten. Nach dem Krieg wurden im Dorf für die Neubauern Grundstücke vergeben. Sie stammten aus der sogenannten Bodenreform, d.h, die verherigen Grundstücksbesitzer wurden enteignet. Das meiner Eltern gehörte vor der Bodenreform den Gutsherren, doch sie waren zum Kriegsende geflüchtet und lebten in der amerikanischen Besatzungszone. Die Insel Rügen lag ja in der Hand der sowjetischen Besatzungszone. Daher gab es genügend Land für fast alle, die sich auf dem Land ein neues Leben aufbauen wollten.
Für das Grundstück gab es zwei Anwärter und wurde per Los ermittelt. Man kann sagen, dass mein Vater damals für die Familie das große Los gezogen hatte und nun war für alle genug Platz. Er selbst war gelernter Kinovorführer, doch verschrieb er sich von dem Tag bis zum Ende seines der Landwirtschaft. Und allein dafür ist meine Mutter verantwortlich zu machen.
Denn in dem kleinen Dorf lebte auch meiner Mutter und mein Vater besuchte regelmäßig seine Verwandten im Dorf, er war ja ein Stadtkind – ein Stralsunder. Damals warf er schon ein Auge auf meine Mutter. Doch bevor die beiden zusammenkamen, mußte meinen Vater - wie so viele andere damals – in den Krieg ziehen.
Als er aus dem Krieg – um Glück unbeschadet – zurück gekehrte und sein neues Leben wieder in Angriff nahm, bewarb er sich erst um meine Mutter und später dann um das Grundstück und baute unser Elternhaus darauf auf und das in der Zeit, als es kein Baumaterial gab. Aus seinen Erzählungen weiß ich, dass er alles was er untwegs sah und für den Bau geeignet war, nach Hause schleppte. Und jeder mußte sein Baumaterial streng unter Verschluß halten, damit nicht der nächste Bauherr sich scheinbar herrenloses Baumaterial unter den Nagel riß.
Über ein Eisenträger im Haus erzählte mein Vater uns von seiner Beschaffung. Dieser lag irgendwo im Freien – verwachsen im Gras und er sah ihn aus dem fahrenden Zug. in der Hoffnung, dass nur er den Eisenräger gesehen hatte, machte er sich noch mal zu Fuß auf den Weg. Nach 20 Kilometer Fußweg fand er den Eisenträger noch m Gras und er konnte ihn müßselig nach Hause schleppen und ihn im Haus verbauen. Auf diese Art war er besonders verbunden mit dem Haus, dass bis zum Ende letzten Jahres mein Elternhaus bliebt. Nach dem Tod meines Vaters – er lebte nach dem Tod meiner Mutter – noch 7 Jahre allein in Haus, verkauften wir unser Elternhaus.
Doch bis heut kann ich sagen, dass meine Eltern damals für uns das große Los gezogen haben, denn unser Elternhaus bescherte uns – ihren 4 Kindern – unbeschwerte Kinderjahre.
erst mal nur Nebel
Ich zog meine 3 Kinder allein auf. Das Schicksal wollte, das ich es nicht anderes lösen konnte. Die ersten beiden Kinder aus der Ehe sahen ihren Vater nach unserer Trennung kaum noch, weil er bis heut noch schmollt und mein letzter Sohn ist seit 8 Jahren leider ein Halbwaise. Er ist ein Nachkömmling und deshalb noch weiter von meiner Jugend entfernt, als seine Halbgeschwister, die mehr als 10 Jahre älter sind als er.
In die große Stadt mit 250 000 Einwohnern zog mich erst mich Anfang 20zig. Bis dato lebte ich in einem kleinen Dorf. Das war wohl der härteste Umbruch in meinem Leben. Da erfuhr ist, dass man mitten unter Menschen so einsam werden kann, dass es schmerzt. Vorbei schienen die glücklichen Jahre für immer zu sein, denn nach wenigen Wochen hatte die große Lichterstadt – so erschien sie mir damals – ihren Glanz verloren
großes Kino
Manchmal denke ich, dass es für mich ein großes Glück war, dass ich noch Zeiten erleben konnte, in der es nur wenige Menschen gab, die einen Fernseher besaßen, auch wenn ich damals als Kind darunter gelitt, dass meine Familie nicht zu den Besitzern eines Fernsehers gehörte.
Ich erinnere mich, dass unsere Nachbarin – sie hatte keine Kinder – sich einen Fernseher leisten konnte. Das war ein wahnsinnig großes und schweres kistenförmiges Möbelstück, in der Mitte ein Bildschirm mit einem diagonalen Durchmesser von ca. 22 cm. Auch sas Flimmerbild lies zu wünschen übrig und wer Pech hatte und der Platz seiner Antenne eine schlechten Empfang brachte konnte nur flimmernd grau in grau fernsehen.
Meine Eltern konnten sich so eine Wahhsinnskiste nicht leisten und deshalb gab es für mich als Kind nur was zum fernsehen, wenn unsere Nachbarin sich erbarmte und mich in ihrem Wohnzimmer einen Kinderfilm anschauen lies.
Damals war das für mich großes Kino, das grau und grau flimmernde Bild, das über die Mattscheibe flimmerte und mir die Märchen zeigte, die ich bis dato nur vom vorlesen kannte.
Aber nicht immer war unsere Nachbarin so gnädig und lies mich in ihrer Wohnung. So musste ich mir den Tag im Dorf vertreiben und mir meine Spielecken aus den Sachen selber basteln, die ein Dorf eben her gab – auf diese Weise machten wir Kinder unsere eigenes Kino – doch davon im nächsten Beitrag…
Einfach anfangen
Schon seit Wochen – nein Monaten oder noch genauer gesagt, seit Jahren will ich Niederschriften machen, die das einfache Leben meiner Eltern und damit auch unser Leben – wir Kinder - zu beschreiben.
Das Leben damals ist mit dem von heut nicht vergleichbar.
Wir träumten damals von dem Wohlstand, in dem wir heute leben.
Damals glaubten wir, wenn erst der Wohlstand da ist, dann sind wir glücklich.
Doch das hat sich nicht bestätigt. Wenn ich mich umschaue sind die Menschen ehr unzufrieden, als glücklich.
Können wir der Wohlstand nicht so genießen, wie damals die Menschen das einfache Leben?
Hello world!
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